Gottlos

Ich hatte keine Lust, die Tür zu öffnen; rechnete entweder mit den Zeugen, der GEMA (beide schon eine Weile nicht mehr da gewesen), oder -ganz neu- mit arbeitslosen Ingenieuren, die mir Strom verkaufen wollen. Es war dann der Teufel. Hat mich ein bischen überrascht, ich bin Agnostiker. Der Teufel sieht eigentlich aus wie Sie und ich (etwas mehr wie Sie, aber das kann ja Teil des teuflischen Plans sein).

Gut, sie haben Moers und Goethe gelesen, daher erwarten Sie jetzt die "Alles was Du willst für nur 1 Seele"-Nummer. Kam aber nicht. Er stellte sich erstmal höflich vor und als ich ihm wie allen anderen Spinnern die Tür vor der Nase zuschlagen wollte, sagte er noch: "Ich will Ihre Seele nicht!"
Damit hatte er dann meine Neugierde und den latenten Minderwertigkeitskomplex geweckt. Warum wollte er meine Seele nicht? Stimmte was nicht damit? Wusste er was, dass ich nicht wusste?

Dazu muß ich sagen, das ich bisher immer ganz gut mit meiner Seele klargekommen bin, wir hatten ein entspanntes, harmonisches Verhältnis. Alles, wie es sollte. Man hatte mich sogar im Kindesalter hin und wieder als "Seelchen" bezeichnet, das spricht ja doch für gute Partnerschaft, oder? Damit sie jetzt nicht denken, ich sei nur ein Salonatheist; ich meine mit "Seele" natürliche nicht dieses religiöse oder esoterische Konstrukt. Mehr die Identitätskiste, Ich-Welt-Modell und so. Aber weiter.

Die Tür war noch offen, ich guckte doof und Mister T. stand im Flur und lächelte. Ich versuche jetzt nicht, das Lächeln zu bescheiben, dabei rutscht man immer in irgendein Klischee ab. Ich musste also in dieses Lächeln fragen: "Warum nicht?"

Im Laufe den nächsten Stunde hat er mir das dann auseinandergesetzt, bei einer Tasse Tee. Er wollte keinen Kaffee, sein Magen sei etwas angegriffen. Ich will sie nicht mit Details ermüden, nur soviel: Der Teufel, Beelzebub, Luzifer und Satan sind nicht eine einzige Instanz des Bösen sondern vier Individuen, die zusammen sozusagen den Vorstand der Hölle bilden. Die haben also das gleiche Macht-Hickhack wie z.B. die Deutsche Bank. Wenn ich das richtig verstanden habe gibt es da nebenan (die Hölle ist keineswegs "unten", sagte er) inzwischen einfach ein Organisations- und Betreuungsproblem. Immer mehr Böses in der Welt und dann diese Sache mit der Ewigkeit. Irgendwann seien die Kapazitäten einfach erschöpft, man habe ja keine "himmlischen Heerscharen". Ich schmunzelte über diesen recht lauen Scherz am Rande, er schien erfreut. Luzifer wollte sich also in Zukunft auf das Großkundengeschäft konzentrieren, Kriege, Wirtschaft und so, das sei effizienter als die ganzen Kleinsünder. Der Teufel dagegen vertrat den Standpunkt, man habe auch einen Versorgungsauftrag. Er wirkte ziemlich verbittert, als er das erzählte; anscheinend hatte er die schlechtere Position in dieser Auseinandersetzung.

Die Konkurrenz habe das geschickt gelöst, die würden einfach die Einstiegsschwelle erhöhen und außerdem die Werbung runterfahren. Oder ob ich in einer Kirche wäre? Nein, sagte ich wahrheitsgemäß, ich sei Agnostiker. Ein ungemütliches Schweigen entstand, er sah auch etwas angesäuert aus. Endlich ging mir ein Licht auf! Wenn ich nicht an Gott glaubte, warum dann an den Teufel? Und da verschwand er plötzlich, mitsamt seinem Tee. Damit war zwar die innere Einheit meines Weltmodells wiederhergestellt, aber um die Tasse ist es schon schade, die war ein Geschenk.

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